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Die Weidenthaler Kerwe und das Kerwebrauchtum im Wandel der Zeit

Fotoausstellung über Kerwetage zeigt Fotos von "Kerweburschen mit weißen Mädchenschürzen"

Die Kirchweih war ursprünglich ein rein kirchliches Fest, das sich aber mit der Zeit mehr und mehr verweltlichte.

Der Ursprung der Kirchweih in dem Walddorf  Weidenthal lässt sich auf das Jahr 1707 datieren. In diesem Jahr ging die kleine Pfarrkirche des Dorfes in den Besitz der Katholiken über. Wie es dazu kam hat Heinrich Stuckert in seinem Buch „Weidenthal – Geschichte eines Walddorfes“ genaustens dokumentiert.

Interessant zu lesen ist, dass sich 1707 von den 13 Weidenthaler Bürgern zwei zum katholischen Glauben, die anderen 11 zum evangelischen, d.h. zum reformierten und lutherischen Glauben bekannten.

Die Kirche ist den Aposteln Simon und Judas geweiht. Gefeiert wurde deshalb die Kirchweih am Sonntag vor Simon und Judas (28. Oktober). Da in dieser Jahreszeit damals meist winterliches Wetter herrschte, bildete sich im Weidenthaler Volksmund ein Spruch:

Wenn es regnet und schneit,  ist die Kerwe nicht mehr weit„.

Im Jahre 1842 beschloss der Gemeinderat wegen der meist ungünstigen Witterung das Kirchweihfest vorzuverlegen, auf den ersten Sonntag im September.

Als ursprünglich  kirchliches Fest spielte  sich die Kerwe bis in die Zeit nach dem ersten Weltkrieg begreiflicherweise auf den freien Plätzen um die heutige katholische Kirche ab. Im Hof des Wohnhauses Hauptstraße 120 wurde um das Jahr 1860 die erste „Reitschule“ aufgestellt. Sie war noch klein und einfach und wurde durch einige Knaben von Hand angetrieben. Für die kleinen, wenigen  Kerwebuden war bis zum Jahre 1882 der Platz vor dem katholischen Pfarrhaus der gewohnte Standort.

Nach dem deutsch-französichen Krieg  erhielt die Reitschule ihren Platz vor der protestantischen Kirche, während die später zahlreichen Kauf- und Schaubuden, „Guckkästen“, Süßwarenstände, Schießstände usw. bis zur Zeit nach dem 1. Weltkrieg zwischen der katholischen Kirche und der Lehrerwohnung Hauptstraße 105 zu beiden Seiten der Straße standen. Aufgrund des wachsenden Straßenverkehrs wurden sie später abseits der Hauptstraße vor der protestantischen Kirche und in der Hindenburgstraße aufgestellt. Erst nachdem 1937 der heutige Kerweplatz entstanden war, erhielten die Kerwebuden, die Reitschule  sowie der Autoscooter usw. ihren Standort auf diesem Platz.

Das Weidenthal Kerwebrauchtum erfuhr im Laufe der Zeit einige Veränderungen. Etwa bis 1895 zog am Kerwe-Dienstag-Nachmittag eine Gruppe verkleideter junger Burschen als „Kerwenarren“ (im Gegensatz zu Fasnachtsnarren) durch das Dorf; sie ahmten Begebenheiten aus dem täglichen Leben in spaßhafter Weise nach und trieben allerlei Ulk und Schabernack.

So holten die Kerwenarren – zwei von ihnen verkleidet als Tod und Teufel – am Kerwedienstag 1869 das damalige Dorf-Original aus seinem Haus. Sie führten es in fröhlichem Zug in die benachbarte „Meesekart“, die damals von Phil. Haag betriebene Wirtschaft, heute Weidenthaler Hohl 3. Sie gaben ihm Getränke und trieben allerlei Allotria mit ihm.

Ein andermal – etwa um 1890 – stellten sie den Geometer und seine Gehilfen dar, die mit Brille, Büchern und Messgeräten ausgerüstet die Landstraße vermaßen. Beim Haus am Felsen riefen sie mit lauter Stimme: „Dieses Haus steht zu weit vor und muss abgerissen werden. Weil aber heute gerade Kirchweih ist, wollen wir der Frau noch 8 Tage Zeit lassen“.

Um die Jahrhundertwende kam die Sitte der Kerwenarren allmählich zum Erliegen. Stattdessen bürgerte sich der Brauch des Kerweabholens und -begrabens ein, der sich bis 1956 erhalten hatte und später nach ca. 25 Jahren wieder auflebte.

Am Nachmittag des Kerwesonntags gegen 14.00 Uhr zog eine Gruppe junger Buschen hinaus auf das Feld (heutiges Mainzertal) und grub daselbst eine vorher versteckte Flasche Wein aus. Dann ging es in lustigem Zug durch das Dorf. Voran schritt ein Bursche, der den Kerwestrauß schwenke, ein etwa zwei Meter hohes, mit Bändern geschmücktes Birkenbäumchen. Ihm folgten mehrere Musikanten mit Akkordeon und Blechblasinstrumenten. Danach kamen einige Burschen, von denen einer einen merkwürdigen Gelehrten darstellte mit hohem Kragen, Frack und Zylinder, Brille und mit einem großen Buch, während ein anderer mit weißer Mädchenschürze die geschmückte Weinflasche und ein Trinkglas schwang und ein dritter eine mit Bändern geschmückte Grabschaufel. Den Schluss bildeten 6-8 Burschen, die Arm in Arm marschierten. Mit Musik, unter Jauchzen und Grölen ging der lustige Zug zum Hause des Bürgermeisters, der von dem Gelehrten mit dem Spruch begrüßt wurde:

„Als ich heute früh erwacht
Habe ich gleich an die Kirchweih gedacht,
Doch nicht zuerst an Bier und Wein.
Vor allem soll unser Bürgermeister gegrüßet sein.
Ein dreifaches kräftiges Hoch – Hoch – Hoch“.

Die so Geehrten zeigten sich gewöhnlich erkenntlich durch Stiftung einiger Flaschen Wein oder eines Fässchens Bier. Dann zogen die Kerweburschen weiter durch das ganze Dorf und zurück zu einer Wirtschaft mit Tanzsaal. Dort ergriff der Gelehrte das Wort zu der von alt und jung mit Spannung erwarteten Kerwerede, in der er die dörflichen Begebenheiten des verflossenen Jahres in humorvoller Weise kommentierte.

So lautet beispielsweise der Anfang der Rede von 1938:

„Ihr lieben Leut, Ihr lieben Gäst,
wir laden Euch alle ein zu Fest.
Zuerst geben wir Kirchweihburschen bekannt,
daß sich alle Mädchen gut gehalten haben,
bis auf einige, die sich zu viel mit Auswärtigen abgegeben haben.
Die sollen sich mehr an hiesige Burschen halten,
denn dafür sind sie ja da!
Geht man Abend mal spazieren, dann kann man sehen,
wie die Pärchen, die sich lieben, in den dunklen Ecken stehen
und wie sie auseinanderspritzen, wenn man näher hinkommt.“

Am Nachmittag des Kerwedienstages zogen die Kerweburschen wieder in frohem Zug  aus dem Dorf hinaus und begruben die Kerwe in Form einer leeren Weinflasche.

Quelle: Weidenthal – Geschichte eines Walddorfes von Heinrich Stuckert

 

 

 

Kerwe – Fotoausstellung 2017
Das Team Gemeindearchiv Weidenthal hat sich dem Thema Kerwebrauchtum angenommen und zeigt am Kerwesonntag und Kerwemontag in der Sporthalle, in der Zeit von 14.00 Uhr bis 18.00 Uhr die Fotoausstellung „Kerweburschen mit weißen Mädchenschürzen“. Die Fotografien dokumentieren den Brauch der Abholung der Kerwe in der Zeit zwischen 1924 und 1956.

Als Zusatzausstellung zeigt das Archivteam  noch Fotos vom Weidenthaler Kerweumzug 2002, der vor 15 Jahren stattfand.

Gesucht werden noch  alte Fotografien von den Kerwen vor 1945, besonders von dem alten Karussell auf dem Kerweplatz und den Buden in der Hindenburgstraße und neben der Prot. Kirche.

Die eigentlich vorgesehene  Fotoausstellung über die „Weidenthaler Geschäftswelt – früher und heute“ wird zu einen späteren Zeitpunkt gezeigt. Die Vorbereitungszeit dafür reichte nicht aus und es müssen noch einige Recherchen getätigt werden.

 

Abgehoben – Multicopterflug über Weidenthal
Während der Fotoausstellung zeigt Heiko Wundrock tolle Aufnahmen von Weidenthal aus der Vogelperspektive, aufgenommen mit einem Mulicopter.

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