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„Kurze Beine, kurze Wege“ gilt nicht überall

Grundschule Esthal von Schließung betroffen - in Lindenberg kann der Schulbetrieb vorerst weitergehen

Mit der Möglichkeit der Kommentierung

Den rheinland-pfälzischen Grundschulen droht keine Schließungswelle, so die Information des Ministerium für Bildung des Landes Rheinland-Pfalz. Die „Leitlinien für ein wohnortnahes Grundschulangebot, sollen das Schulgesetz konkretisieren und es ermöglichen, Einzelfälle transparent, nachvollziehbar und unter Berücksichtigung der lokalen Gegebenheiten zu betrachten.

Nach dem Schulgesetz müssen Grundschulen mindestens eine Klasse je Klassenstufe umfassen. Ausnahmen von der Mindestgröße sind zulässig, wenn diese bloß vorübergehend nicht erreicht wird oder in „besonderen Fällen“.

Der Landesrechnungshof hatte die Landesregierung bereits mehrmals – zuletzt 2016 – aufgefordert, ein Konzept zu entwickeln, um diese besonderen Fälle im Dialog mit den Schulträgern zu prüfen. Dieser Auftrag wurde auch im Koalitionsvertrag verankert.

Nicht mehr alle Grundschulen in Rheinland-Pfalz erreichen die durch das Schulgesetz vorgegebene Mindestgröße. Im Schuljahr 2016/2017 haben von den 964 Grundschulen 49 nur 1 oder 2 Klassen – an der kleinsten lernen sieben Schülerinnen und Schüler, an der größten der zweiklassigen 43 Schülerinnen und Schüler. In der Verbandsgemeinde Lambrecht(Pfalz) betrifft das die Grundschulen Lindenberg und Esthal.

Der Entwurf  der „Leitlinien für ein wohnortnahes Grundschulangebot“ wurde am 31. Januar dem Bildungsausschuss im Landtag vorgestellt. „Wir wollen unsere Grundschulen für die Zukunft gut aufstellen und ein wohnortnahes, pädagogisch wertvolles Angebot langfristig sicherstellen. Maßgeblich bleibt der Grundsatz „Kurze Beine, kurze Wege“, sagte Bildungsministerin Dr. Stefanie Hubig bei der Vorstellung.

Entschieden entgegen trat Hubig einem von manchen heraufbeschworenen „Schulschließungsprogramm im Gießkannenprinzip“: „Das Gegenteil ist der Fall: Wir haben ein individuelles, an regionalen Bedürfnissen orientiertes Verfahren gewählt, bei dem Schulträger und Schulgemeinschaft eingebunden werden.“

„Bei der Entwicklung der Leitlinien sind wir mit Augenmaß vorgegangen“, unterstrich Stefanie Hubig. Nach dem derzeitigen Entwurf werden nur 49 der aktuell 964 Grundschulen im Land überhaupt in den Blick genommen. An diesen werden die vier Klassenstufen in höchstens zwei Klassen unterrichtet. Grundschulen mit drei Klassen werden von der Prüfung von vorneherein ausgenommen, da es nicht unwahrscheinlich ist, dass sie die Mindestgröße nur vorübergehend nicht erreichen.

Die Leitlinien sehen vor, dass die Schulträger, die die Situation vor Ort am besten kennen, innerhalb eines halben Jahres eigene Konzepte vorlegen, wie vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung langfristig ein Angebot geschaffen und erhalten werden kann, das den Vorgaben des Schulgesetzes entspricht. Die Schulaufsicht unterstützt sie dabei und wird die Konzepte auf ihre Tragfähigkeit überprüfen. Im Anschluss entscheidet sie, ob eine Schule weitergeführt werden kann.

Wie das Ministerium  weiter berichtet wird bei jeder Prüfung darauf geachtet, dass die Kleinsten kurze Schulwege haben, die nächste Grundschule gut zu erreichen und die Schülerbeförderung gesichert ist. Ferner wird die Aufnahmekapazität benachbarter Grundschulen berücksichtigt sowie das regionale Angebot an Schwerpunkt- und Ganztagsgrundschulen.

„Wir wollen Grundschulen, da wo es möglich ist, dauerhaft sichern, aber auch dort, wo dies aufgrund stark rückläufiger Schülerzahlen nicht möglich ist, umsichtige, tragbare Alternativen aufzeigen“, so die Bildungsministerin. Dies ist in Rheinland-Pfalz aufgrund seines sehr dichten Netzes an Grundschulen gut möglich. Und wo Ausnahmen nötig sind, werden diese auf Basis der Leitlinien ermöglicht.

Dass Grundschulen eine Mindestgröße haben, ist sinnvoll. Auch sehr kleine Schulen können Vorteile haben, aber sie stoßen schulorganisatorisch an Grenzen, etwa bei Vertretungssituationen oder bei pädagogischen Differenzierungs- und Zusatzangeboten. Die Lehrkraft an einer sehr kleinen Grundschule ist in verschiedenen Funktionen und Aufgaben stark gebunden. Größere Grundschulen haben hingegen mehr Handlungsspielraum bei der Gestaltung des pädagogischen Angebotes und des Schullebens, etwa in Hinblick auf Arbeitsgemeinschaften, Schulfeste oder auf die Einrichtung eines Ganztags- oder Schwerpunktschulangebots. Lehrkräfte können sich untereinander austauschen, Schulleitungen haben Unterstützungsstrukturen, was auch die Attraktivität solcher Stellen erhöht. Schülerinnen und Schüler lernen ein vielfältiges soziales Miteinander kennen. Ressourcen können effizienter eingesetzt werden.

„Wir tun das, was strukturell geboten, pädagogisch sinnvoll und in einem Flächenland demografisch nachhaltig und effizient ist. Unser Ziel ist es, langfristig sicherzustellen, dass junge Menschen überall in Rheinland-Pfalz gut ausgebildet und Ressourcen verantwortungsvoll eingesetzt werden. Unsere Grundschulen legen hierfür den Grundstein und wir wollen, dass sie dafür dauerhaft gute Rahmenbedingungen haben“, hielt Bildungsministerin Hubig abschließend fest.

In der Liste der der zu überprüfenden Grundschule nach dem aktuellen Stand der Leitlinien sind auch die beiden Schulen in Lindenberg und Esthal aufgeführt. Darin wird vermerkt, dass die Grundschule Lindenberg nicht überprüft wird, da die Schulbehörte in den nächsten fünf Jahren wieder die Bildung von drei Klassen erwartet. Die Esthaler Grundschule hingegen wird einer Überprüfung unterzogen.

Bestätigt wurde dies auch von der Landtagsabgeordneten Giorgina Kazungu-Haß, „Die Grundschule Lindenberg ist von der Überprüfung durch die gerade eröffneten Grundschulleitlinien nicht betroffen. In der Verbandsgemeinde Lambrecht (Pfalz) wird es alleinig um die Grundschule Esthal gehen.“

 

 

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3 Kommentare

Kommentar von: Gernot Kuhn, 1. Februar 2017:

Dass Esthal mit dabei ist, war sehr wahrscheinlich und seit gestern weiß ich es auch definitiv. Ich hatte im Vorfeld diesbezüglich schon Kontakt mit unseren Landtagsabgeordneten Dirk Herber und Giorgina Kazungu-Haß.

Die Grundschule ist für unser etwas abseits liegendes Dorf überlebenswichtig, nicht weniger. Junge Familien wählen einen Ort wie Esthal, um noch ein Stück heile Welt für Ihre Kinder zu haben, KITA, Grundschule und schnelles Internet sind die Grundvoraussetzungen. Wenn Esthal keine Grundschule mehr hat, ziehen junge Familien weg, bzw. kommen erst gar nicht zu uns. Das bedeutet für uns das langsame, aber sichere Aussterben.

Ich habe selbst einen Sohn in der Schule und kann nur bestätigen, dass ein hochmotiviertes Team unter Schulleiterin Fr. Scholz dort arbeitet und den Kindern Freude am Lernen vermittelt. Die Kombiklassen sehe ich nicht als Nachteil. Auf langsamer lernende Kinder kann wesentlich mehr Rücksicht genommen werden, schneller lernende Kinder bekommen bereits Lerninhalte der ein Jahr älteren Kinder mit. Die älteren Kinder kümmern sich um die kleineren, z.B. die Schulanfänger, und unterstützen sie. Durch die kleinere Anzahl an Kindern in einer Klasse, können sich die Lehrer wesentlich mehr mit jedem einzelnen Kind beschäftigen. Die Kinder werden von Anfang an zu mehr Selbstständigkeit erzogen durch Freiarbeit. Es bilden sich jahrgangsübergreifende Freundschaften, die Schulgemeinschaft rückt enger zusammen, es geht wesentlich familiärer zu, als in größeren Schulen, jeder kennt jeden, auch unter den Eltern.

Ein engagierter Schulelternbeirat und externe Unterstützer komplettieren das Bild einer Dorfschule, die funktioniert, und die den Kindern auf kurzen Wegen zu Fuß im bekannten Dorf die ersten Schritte in die Selbstständigkeit eröffnet.

Wir haben in Esthal eine sehr gut funktionierende Dorfgemeinschaft und es ist sehr schade, dass diese ein um´s andere Mal auf die Probe gestellt wird, weil wir uns als Dorf, wie andere kleine Dörfer auch, ständig wehren und um unsere Existenz kämpfen müssen. Sei es die unzureichende Finanzausstattung, der problematische Rettungsdienst, die schwindende Ärzteversorgung, der ausgedünnte ÖPNV und nun die Grundschulen, die man uns weg nehmen will. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass kleine Dörfer nicht gewollt sind, da sie nur Kosten verursachen.

Mit freundlichen Grüßen,
Gernot Kuhn
Ortsbürgermeister Esthal

Kommentar von: Sybille Höchel, 2. Februar 2017:

Was bedeutet eine Schließung einer Grundschule in einer kleinen Gemeinde?

Dies ist doch die Frage, die nur die Bürger und deren Bürgermeister beantworten können. Anscheinend aber nicht die politischen Ämter, die eine solche Idee verfolgen.

Man nimmt den Gemeinden die Infrastruktur, man verweigert den Kindern den selbstständigen Weg zur Schule. Es gibt den Slogan: „Kurze Beine, kurze Wege“ , diesen sollten sich die Verantwortlichen dieser irrsinnigen Idee hinter die Ohren schreiben.

Wir haben die Befürchtung, dass alles nur aus einem finanziell einseitigen Gesichtspunkt gesehen wird. Dass eine eigene Grundschule eine Gemeinde auch attraktiver macht, junge Familien im Ort bleiben oder zuziehen, wird außer Acht gelassen. Die Gemeinden werden zu bloßen Wohnsiedlungen verkommen. Eine Schließung der Schule bedeutet eine massive Schwächung der Gemeinde und beinhaltet die regelrechte Zerstörung der Dorfkultur.

Dies dürfen wir uns als kleinere Gemeinden nicht gefallen lassen und müssen uns wehren!

Sybille Höchel
Ortsbürgermeisterin Neidenfels

Kommentar von: Sabine Stöckel, 2. Februar 2017:

„Grundschulen in der Fläche dauerhaft und für die Zukunft gut aufstellen – mit Augenmaß und im Dialog“ so lautet die Überschrift der Nachricht auf der homepage des Bildungsministeriums.

Inhaltlich geht es darum das Schulgesetz zu konkretisieren. Dort ist in § 13 festgelegt, dass in Grundschulen jede Klassenstufe mindestens eine Klasse umfassen muss, dass bei Grundschulen in besonderen Fällen, Ausnahmen von der Mindestgröße zulässig und dass Schulen fortgeführt werden können, wenn sie die Mindestgröße nur vorübergehend nicht erreichen.

Leitlinien sollen sicherstellen, dass diese „Einzelfälle“ transparent, nachvollziehbar und unter Berücksichtigung der lokalen Gegebenheiten betrachtet werden. Dies ist zunächst nicht negativ. Es gilt zu prüfen, ob das pädagogische Angebot ausreicht und ob die Kinder nicht in grösseren „Einheiten“ bessere Chancen hätten. Legitim ist sicher auch, dass man die Kostenseite betrachtet.

Aber wohin eine “Geiz ist geil – Mentalität“ führt sieht man doch allenthalben. Jeder schaut auf den anderen, hat Angst, dass „ D I E“ „ U N S“ die Butter vom Brot nehmen, treibt die Menschen in die Fänge von Populisten, die nur einfache Lösungen haben.

Wir alle wollen starke und mündige Bürger, die sich für die Gemeinschaft einsetzen und das Miteinander gross schreiben! Erreicht man das, wenn man Kinder schon im Grundschulalter auf die Reise schickt? Sollen sie vielleicht schon in frühester Jugend aufs spätere Pendlerleben eingestimmt werden? Wie sollen sie Wurzeln in der Gemeinschaft bekommen?

Die Dörfer bluten immer mehr aus. Die Finanzen der meisten Kommunen sind desolat, die Auflagen der Aufsichtsbehörden sind hoch. Freiwillige Ausgaben können kaum noch getätigt werden. Die Landschaft soll nicht weiter zersiedelt und somit möglichst keine Neubaugebiete entwickelt werden.

Weniger junge Familien, weniger Kinder, weniger Kitas, weniger Schulen, weniger Einkaufsmöglichkeiten, schlechtere ärztliche Versorgung usw. usw. Schlechteres Angebot,weniger Attraktivität, weniger Menschen. Die Kosten aber bleiben, nur sind sie nun von weniger Menschen zu tragen. Die Spirale geht immer weiter nach unten. Kann es wirklich das Ziel sein, die Menschen in die anonymen Ballungsräume zu treiben?

Wir alle wollen starke und mündige Bürger und wir wollen sie hier!

„Kurze Beine, kurze Wege“ sind hierfür die Wurzeln!!